04. April 2012

Eine Unternehmerpersönlichkeit der allerersten Jahre

Ihr Name ist wie kein anderer verbunden mit dem beginnenden Aufstieg des Familienunternehmens zu einem Global Player.

Es ist das Jahr 1962. Marie Harting übernimmt nach dem Tod ihres Mannes die Leitung der heutigen HARTING KGaA. Der Umsatz liegt bei 19 Millionen Mark. 700 Mitarbeitende zählt die Belegschaft. Mehr als ein Vierteljahrhundert lenkt die Frau des Existenzgründers klug und weitsichtig die Geschicke der Firma. Als sie 1989 an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt, ist der Umsatz auf rund 170 Millionen Mark gestiegen, hat sich die Zahl der Beschäftigten in Deutschland mit knapp 1.300 fast verdoppelt.

Vor nunmehr 100 Jahren, am 4. April 1912, kommt Marie Harting, geb. Meier, älteste Tochter eines Eisenbahners, in Dankersen zur Welt. Sie besucht die Volksschule, macht eine kaufmännische Lehre in einem Mindener Haushaltswaren-Großhandel. Und lernt bei einem Tanzvergnügen einen jungen Ingenieur kennen, den vier Jahre älteren Wilhelm Harting, geboren im nahen Kirchhorsten. 1936 heiraten beide. Am 1. September 1945 eröffnet der Ehemann an der Mindener Stiftsallee die „Wilhelm Harting Mechanische Werkstätten“. Damit beginnt für die junge Mutter ein gänzlich neuer Lebensabschnitt. Gemeinsam bauen die Eheleute den kleinen Betrieb auf. Die Produkte der frühen Jahre, Kochplatten, Sparlampen und Bügeleisen, bringen Marie und ihre Schwester Luise mit dem Rad zu Kunden in der näheren Umgebung und tauschen die Waren gegen Lebensmittel. Zu Hause kümmert sich Marie Harting fürsorglich um das Wohlergehen der Mitarbeitenden, streicht Butterbrote, sorgt für ihr Mittagessen. Und noch in späteren Jahren hat sie für deren Nöte ein offenes Ohr. Wer ganz früh an seinem Arbeitsplatz sein muss, wenn die Kindergärten noch geschlossen sind, darf schon mal seinen Jüngsten mitbringen. „Sie war wie ein Mutter zu mir“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Derweil wächst der Betrieb und braucht mehr Raum. Wilhelm und Marie Harting schauen sich in Espelkamp um. Dorthin wird die junge Firma ab 1950 schrittweise verlegt. Für sich sucht das Paar ebenfalls ein neues Domizil, nimmt ein Grundstück an der Schweriner Straße in Augenschein. Als Marie Harting auf dem Platz ein vierblättriges Kleeblatt findet, ist die Entscheidung gefallen.

1962 stirbt Wilhelm Harting mit nur 53 Jahren. Er hatte die Märkte der Zukunft erkannt, die Weichen gestellt und vorausschauend die neue Richtung vorgegeben. Statt Haushaltsbedarf und Konsumgütern setzt HARTING schon Ende der 1950er Jahre auf Zigarettenautomaten, Steckverbinder und elektromagnetische Geräte. Marie Harting, die ihren Mann von Anfang an unterstützt, stets die starke Frau an seiner Seite war, im Betrieb mitgearbeitet, aber nie eine höhere Schule besucht hatte, tritt nach dessen plötzlichem Tod ohne Zögern an seine Stelle. Und sie setzt die klare Technologie-Orientierung des Unternehmens fort, folgt mutig und entschlossen dem eingeschlagenen Weg. „Das hat sie ganz konsequent gemacht. Sie war durch und durch Unternehmerin, sehr präzise, konnte analytisch denken und Menschen gut einschätzen“, weiß ihr Sohn Dietmar Harting. Nicht minder wichtig ist ihr die Ausbildung der Söhne. Dabei kommen die „preußischen Elemente“, Pflicht, Disziplin und Sparsamkeit, nicht zu kurz, wie sich Dietmar Harting („Das hat sie mir mitgegeben“) erinnert. Aber auch die kulturelle Bildung liegt ihr am Herzen. Sie interessiert sich für Musik, bringt ihren Kindern Kunst und Kultur nahe. Beide Söhne lernen das Klavierspiel und entdecken die Welt des Theaters.

Ein schwerer Schlag war für Marie Harting 1973 der Tod ihres jüngsten Sohnes. Er wurde nur 32 Jahre alt. 1969 hatte Jürgen Harting als Dipl.-Ing. die technische Leitung der elterlichen Firma übernommen. Mit seinem Bruder Dietmar war schon zwei Jahre zuvor die zweite Generation angetreten.

Über das eigene Unternehmen hinaus – mit der Umwandlung in eine GmbH im Jahr 1972 wird sie Mehrheitsgesellschafterin – widmet sich Marie Harting zahlreichen gesellschaftlichen Aufgaben. Sie gehört dem Vorstand und Beirat des Arbeitgeberverbands im Kreisgebiet an und ist bis 1974 Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld. 1977 erhält sie für ihr unternehmerisches Wirken und ihr ehrenamtliches Engagement die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am letzten Tag des Jahres 1986 erleidet Marie Harting einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholt. Sie stirbt am 3. April 1989, einen Tag vor ihrem 77. Geburtstag. Ihre letzte Ruhestätte findet sie auf dem Espelkamper Waldfriedhof. Mit ihr verliert Espelkamp eine Unternehmerpersönlichkeit der allerersten Jahre, eine „außerordentlich bemerkenswerte Frau“, so Dietmar Harting.